Archiv für März 2009

Mit geschlossenen Augen schauen

Sonntag, 1. März 2009

Ein Gottesdienst zwischen schiefen Wänden und frohen Herzen

Ein Mensch betritt die alte Kirche unserer Partnergemeinde in Kudum. Vor seinen Augen eröffnet sich ein sonderbarer Anblick: Die Wände sind schief, unverputzt und haben Risse, die Fenster passen nicht in ihre Rahmen und verfehlen somit ihre Funktion, vor Unwetter zu schützen, die Blechteile fangen an zu rosten.
Das Haus ist aber bis zum letzten Plätzchen gefüllt, ja sogar mehr als das: Die Menschen sitzen in Zweierreihen, die Dünnen (meist Kinder) auf dem Schoß der Kräftigeren, was nicht nur Platz schafft, sondern auch die Gemütlichkeit fördert, denn so müssen sie sich wenigstens nicht auch auf den harten Lehmbänken das nicht so weich gepolsterte Hinterteil platt drücken. Einen kurzen Augenblick schaut der Zuspätgekommene enttäuscht, weil er wohl in einer der Nachbarkirchen nach einem freien Stuhl wird suchen müssen, aber schon rücken einige zusammen, sodass auch er noch reichlich Platz findet.
So eine Nachlässigkeit, ja Schlamperei, denkt der Zuspätgekommene, dessen Ästhetik liebendes Auge von der Schiefheit und farbigen Unregelmäßigkeit der Wände beleidigt wird, und entgleitet dabei in Gedanken in sein weit entferntes Heimatland. Dort gibt es Häuser mit Fenstern, die solche Fensterbretter haben, dass die Luftblase in der Wasserwaage höchstens um ein Härchen einem der beiden Striche näherrückt, und Wände, deren Farbe mit der der Stuhlbeine, des Lüsters und der Seidenpolster harmoniert, da kennt er Gärten, deren Rasen so weich und gleichförmig sind, als ob noch nie ein Kind Fußball auf ihnen gespielt hätte: Das sind Süßigkeiten fürs Auge!
Trommeln, Rasseln und mit Klatschen und Tanz begleiteter Gesang reißen aber den Träumer aus seinen Gedanken und er wird gezwungen, seine Hüften in dem ihm unbekannten Rhythmus ungeschickt hin und her zu schwingen. Nervös beobachtet er die Anderen und versucht, ihre geschmeidigen Bewegungen nachzuahmen und in ihr Klatschen einzustimmen. Aber er hüpft nur unbeholfen hin und her und die Hände steckt er lieber in die Taschen, um mit seinem falschen Klatschen nicht aufzufallen. Ungeduld überfällt ihn und es wird ihm unbehaglich. Sehnlichst erwartet er das Ende des Lobpreises.
Aber kein Ende kommt. Schweißperlen rinnen über sein Gesicht. Die Augen gleiten von der schwingenden Menge zu den Rissen in der Wand. Es wird ihm schwindlig und die schiefen Wände drohen auf ihn einzustürzen. Er schließt die Augen?
Er schließt die Augen und hört nur noch den Gesang derer, die mit ganzem Herzen Gottes Namen erheben, die ihn preisen und ihm danken. Und allmählich verlässt die linke Hand die Hosentasche und kurz danach folgt auch die rechte. Sie berühren sich, zuerst zögerlich, aber dann bewegen sie sich mit voller Kraft aufeinander zu und klatschen im Rhythmus des Liedes. Die Hüften fangen an, sanft hin und her zu kreisen, und sein Mund öffnet sich, um mit voller Kraft zu singen und mit ganzem Herzen Gottes Namen zu erheben, ihn zu preisen und ihm zu danken.
Nach drei Stunden sinkt der Zuspätgekommene glückselig zu Boden. Sie tragen ihn hinaus in den Schatten eines Baumes vor der Kirche. Sie setzen ihn auf eine herbeigeholte Holzbank und bieten ihm eine Kalebasse (Tasse) Weer an, ein mit Mehl und Honig zubereitetes Erfrischungsgetränk. Bis die Sonne am Horizont verschwindet und eine kühle Brise die Hitze wegweht, werden ihm Geschichten erzählt.
Erst in der Dunkelheit der Nacht ? als die Augen schlafen gegangen sind ? geht ihm ein Licht auf. Die Wände sind nicht aus Nachlässigkeit unverputzt, schief und zerrissen, sondern aus Liebe. Aus Liebe zu unserem Herrn, der zu uns spricht: ?Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.? (Mt 7,21). Der Herr, der uns lehrt, unsere Zeit nicht an die rostenden und vergänglichen Dinge dieser Welt zu verschwenden, sondern sie ihm zu schenken und unseren Nächsten.
Mirka Holubova